Konzert Stiftung Petersburg

In ALLE, kulturell, musikalisch by Thomas Knöri0 Comments

Musik und Emotionen in der Kirche Halden

Junge Musiktalente von der Spezialmusikschule in St. Petersburg gaben in der Kirche Halden ein Konzert besonderer Klasse – auch zum Zusehen ein Genuss.

Alexy Tischenko (Violine) und Alexander Denisov (am Klavier). (Fotos: Esther Salzmann)

Einmal jährlich lädt die Stiftung Petersburg talentierte junge Musiker und Musikerinnen der Spezialmusikschule des Konservatoriums St. Petersburg zu einer Konzerttournee in die Schweiz ein. Die Stiftung unterstützt die Schule beim Instrumentenkauf und fördert auf diese Weise die Ausbildung von Nachwuchsmusikern und -musikerinnen. Am Samstag konnten acht Kinder und Jugendliche aus St. Petersburg begrüsst und ihr aussergewöhnliches Können bestaunt werden.
Stadtrat Valentin Perego eröffnete den Kammermusikabend und begrüsste die trotz des schönen Herbstwetterabends zahlreich erschienenen Gäste in der Kirche Halden. Durch das Konzert führte Dorothea Galli Bamert vom Vorstand der Stiftung Petersburg.
Acht Kinder und Jugendliche aus St. Petersburg im Alter von 11 bis 18 Jahren spielten zwölf ausgewählte Werke, im ersten Teil von Haydn, Brahms, Popper, Barok, Morlacchi und Ravel. Nach der Pause folgten dann Kompositionen von Saint-Saëns, Chopin, Schostakowitsch, Matitia, Gershwin und Milhaud.
Alexander Denisov war vor drei Jahren bereits auf Konzerttournee durch die Schweiz. Der damals gerade mal 11-jährige Blondschopf begeisterte mit seinem virtuosen Klavierspiel genauso wie heute. Im Programmheft wird über den in St. Petersburg geborenen Alexander Denisov gesagt, dass er mit 7 in die Spezialmusikschule eintrat und mit der St. Petersburger Philharmonie im Russischen Kunstmuseum, in Italien, Deutschland, Österreich, Rumänien, Griechenland, Moskau, am Next Generation Festival in Bad Ragaz und am G-20 Gipfel in St. Petersburg aufgetreten ist. Im 2015 wurde er als jüngster Teilnehmer für die Tournee in die Schweiz nominiert. Bereits mit vier Jahren habe er auf dem Klavier seines Grossvaters einfache Melodien gespielt und als Fünfjähriger dann mit Cello- und Klavierunterricht begonnen.

Von Haydn bis Lauba (Matitia)
Der Konzertabend begann mit dem Werk «Trio Hob XV: 8 in A-Dur, Finale Allegro» von Joseph Haydn (1732-1809). Es spielten Alexander Denisov (Klavier), Alexy Tischenko (Violine) und Vladislav Nemzov (Violoncello).
Es war ein sehr abwechslungsreich zusammengestelltes Programm mit Kompositionen aus verschiedenen Jahrhunderten. Beim jüngsten und einzig noch lebenden Komponisten handelt es sich um Christian Lauba, den 1952 in Tunesien geborenen französischen Komponisten und Lehrer. Laube ist besonders bekannt für seine Kompositionen für Saxofon. Vor allem Jazz- und Rag-Stücke komponiert er auch unter dem Namen Jean Matitia.
Von Jean Matitia wurde «Devil’s Rag» gespielt, gekonnt dargeboten vom 15-jährigen Saxofonisten Arseny Alexejev, begleitet von Timofei Kalmykov am Klavier. Alexejev wurde im Juni 2003 in Chelyabinsk, der Hauptstadt vom Südural geboren. Seit seinem 9. Altersjahr spielt er Saxofon. Obschon er auch sehr gerne und mit Hingabe singe, könne er seine Emotionen auf dem Saxofon besser ausdrücken. Begonnen hat er relativ spät, mit 7 Jahren Klavier und Blockflöte. Nach der «Tchaikovsky Special Children’s Art School» im Süden des Urals (ab 2010) trat er 2016 in die Spezialmusikschule ein und spielte im Marinsky-Theater, in der Akademischen Shostakovich Philharmonie in St. Petersburg, im Staatlichen Glinka Oper- und Ballett Theater und in der Staatlichen Prokofiev Philharmonie, beide in Chelyabinsk. Später möchte er gerne ein eigenes Ensemble gründen und mit Eigenkompositionen auftreten.

Herkunft prägt Musik
Eine weitere Komposition für Saxofon war auch von Darius Milhaud zu hören. Darius Milhaud (1892–1974) wurde in Marseille geboren und wuchs in Aix-en-Provence auf. Die geografische wie religiöse Herkunft blieben für ihn sein Leben lang von stark prägendem Einfluss. Milhauds «Brazileira» wurde gespielt von Arseny Alexejev (Saxofon), Evgenja Sadovnikova (Violine), Michail Granov (Violoncello) und Timofei Kalmykov (Klavier).

Piano, piano
Der 16-jährige Pianist Timofei Kalmykov trat gleich in sieben Darbietungen auf. Ein eindrückliches Solo bot er mit der «Ballade Nr. 2 in F-Dur» von Frédéric Chopin (1810-1849). Die sensible Klaviertonsprache Chopins war dabei förmlich zu spüren. Kalmykov begann mit zarten Tönen und teilweise verklärtem Blick, um dann mit kräftigen und schnellen Anschlägen den weiteren Verlauf der Geschichte auszudrücken. Die dramatische Vorlage für Chopins Ballade stammt von Adam Mickiewicz (1798–1855) und handelt von Mädchen einer versunkenen Stadt, die in Wasserblumen verwandelt wurden, um zunächst den einfallenden russischen Horden zu entgehen.
Im Konzertprogramm ist über Timofei Kalmykov zu lesen, dass er im März 2002 in Volzhsky in der Region von Volgograd geboren wurde und mit seiner Mutter von Kindsbeinen an zu Konzerten ging. Er spielt Klavier, seit er 7 ist, und spielte auf Bühnen in St. Petersburg, in Deutschland, Slowenien, Serbien und Spanien.

Ein fröhliches Ende
Erst gegen Ende des Konzerts wurde dann auch der im Juni dieses Jahres verstorbene Bruno Begni genannt. Gespielt wurde zu seinen Ehren Hannes Meyers «Schanfigger Bauernhochzeit», die sich Begni, wie Dorothea Galli erklärte, auch als Beitrag an seiner Beerdigung gewünscht hatte, als fröhliches Ende.
Mit herzlichem Applaus und einer Standing Ovation wurde das diesjährige Konzert beendet. Tief beeindruckt von den aussergewöhnlichen Leistungen machten sich die Konzertbesucherinnen und -besucher dann auf den Heimweg – und die Herbstsonne lachte noch immer am Abendhimmel …!

Instrumente und Musizierende
Die Instrumente sowie die Musiker und Musikerinnen waren:
Violine: Alexy Tischenko (11 Jahre alt), Evgenja Sadovnikova (18)
Violoncello: Vladislav Nemzov (14), Michail Granov (17)
Klavier: Alexander Denisov (14), Timofei Kalmykov (16)
Saxofon: Arseny Alexejev (15)
Querflöte: Taisja Kovtunova (13)

Esther Salzmann, Stadtanzeiger vom 18.10.2018

 

Vorschau:

Cellospielen: «Die Seele baumeln lassen»

Am Samstag spielen acht Kinder und Jugendliche aus St. Petersburg Werke von Haydn, Wieniawski, Chopin, Popper, Matitia, Milhaud und anderen. Sie beenden ihre Schweizer Tournee traditionell in Opfikon.

Acht Musiktalente beschliessen ihre Konzerttour in Opfikon. (Foto: zvg)

Die Spezialmusikschulen in der ehemaligen Sowjetunion hatten die Aufgabe, musikalische Talente zu entdecken, zu fördern und so dem politischen System Glanz zu verleihen. Einige existieren noch heute, doch der Glanz ist abhandengekommen – beim zusammengebrochenen Staat ebenso wie an der Schule selber. Doch die Talente sind nach wie vor vorhanden, und so bemüht sich die Zürcher Stiftung Petersburg seit 2008, der Spezialmusikschule des Rimsky-Korsakov-Konservatoriums mit dem Kauf guter Instrumente, der Finanzierung von Meisterkursen, Wettbewerben und Konzertreisen unter die Arme zu greifen.
Den Abschluss einer solchen jährlichen Schweizer Konzertreise bildet jeweils das Konzert in der akustisch eindrücklichen Kirche Halden. Initiiert hatte dies der verstorbene frühere Stadtpräsident Bruno Begni. Gespielt werden Werke von Haydn («Trio in G-Dur, Finale für Violine, Violoncello und Klavier) bis Matitia («Devil’s Rag» für Saxofon und Klavier).

Junge Musiker mit Träumen
Auch einiges über die jungen Musiker ist bekannt: Arseny Alexejev ist 15 Jahre alt und liebt das Saxofon, weil es als Solo-Instrument und nicht nur in der klassischen Sparte gespielt werden kann. Wenn er nicht Saxofon spielt, produziert er Videos und zeichnet Karikaturen.
Alexander Denisovs Grossvater war passionierter Sänger, und nun will der 14-Jährige in dessen musikalische Fussstapfen treten – am Klavier, das er seit elf Jahren spielt. «Von Noten hatte ich damals noch keine Ahnung.» 2015 war er jüngster Teilnehmer der Tournee in die Schweiz. Seine Hobbys sind Schach, Astronomie und Schwimmen.
Michail Granov (17) haben die grossen Cellisten Rostropovich, Shafran und Pjatigorsky inspiriert. Wenn er nicht musiziert, fährt er mit dem Bike Marathons.
Timofei Kalmykov (16) kann seine Emotionen und Erlebnisse am besten am Klavier ausdrücken. Abseits der Musik liest er gerne Bücher und treibt Sport.
Taisja Kovtunova ist 13 Jahre alt und spielte mit fünf Blockflöte sowie Klavier und Querflöte, seit sie sieben ist. «Vielleicht erfüllt sich mein Wunsch, eines Tages als Solistin mit einem Orchester auftreten zu dürfen.»
Für Vladislav Nemzov (13) bedeutet Cellospielen, «die Seele baumeln lassen». Zu seinen Hobbys zählt er Karate und die Literatur über Flugzeuge und bekannte Piloten.
Evgenja Sadovnikova (18) faszinierte der «bezaubernde, magische Klang» der Geige schon als Kleinkind. In der Freizeit fährt sie Velo, pflegt Blumen und schreibt Gedichte. Sie sagt, die Schweiz habe an der Internationalen Sommerakademie 2016 in Mürren ihr Herz im Sturm erobert.
Alexy Tischenko (11) kam als vierjähriger Knirps erstmals mit der Geige in Kontakt – und fühlt sich seither mit diesem Instrument verbunden. Die Geige, die er heute spiele, ist seine vierte und stammt aus Deutschland, Baujahr 1950. In der Freizeit spielt er gerne Tischtennis. «Meine Vision: Eines Tages als Solist mit dem Finnischen Orchester auftreten zu können.»

Stadtanzeiger vom 11.10.2018

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