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In ALLE, familiär, kulturell, musikalisch by Thomas Knöri0 Comments

Mit Gospel gegen den Herbst-Blues

Für das Projekt «Gospelbridge Open» öffneten sich die beiden Chöre «Gospel Bridge» aus Opfikon und der Nasholim-Chor aus Jestetten für singfreudige Gospel-Fans.

Der 140-köpfige Gospelchor existierte nur am vergangenen Wochenende. Die Freude darüber dürfte aber noch Jahre anhalten, wie regelmässige Teilnehmer berichten. (Fotos: Fabian Moor)

Mit Wind, Regen und fliegenden Blättern meldete sich am vergangenen Wochenende der Herbst an. Ideale Tage, um sich zu Hause einzukuscheln und der Herbstmelancholie zu verfallen. Über hundert Opfikonerinnen und Opfikoner hatten aber andere Pläne: Sie besuchten am Samstag und Sonntag den Gospel-Intensivworkshop in der reformierten Kirche Opfikon mit sechs Proben und einem «Celebration»-Konzert als Abschluss.
Immer stärker füllte sich die reformierte Kirche, bis die Teilnehmenden am Samstagmorgen um 10 Uhr von der Organisatorin Margrietha Morger begrüsst wurden. Nach einem kurzen kollektiven Aufwärmen von Körper und Stimme erscheint Tore W. Aas, der berühmte Chorleiter des Oslo Gospel Choir. Mit einigen Witzen über die Schweiz und den Geruch von Käse bringt er die Leute zum Lachen und beginnt danach mit dem seriösen Teil. Man merkt, dass er sich gewöhnt ist, mit professionellen Musikern zusammenzuarbeiten, denn im Eilzugtempo rast er durch alle Stimmen der Stücke. Seine Effizienz scheint die Singenden aber nicht zu überfordern, denn es klingt von Beginn weg gut. «Ich glaube, ich habe zu wenige Lieder mitgebracht», witzelt der Norweger.
Eingeübt werden von ihm selbst komponierte Werke, und viele der Anwesenden scheinen die Lieder bereits zu kennen. An solchen Workshops treffe man immer viele bekannte Gesichter, erklärt Melanie Schibli (41) aus Hausen bei Brugg. Seit zwanzig Jahren sei sie ein grosser Tore-W.-Aas-Fan und habe bereits an verschiedensten Gospel-Workshops in der ganzen Schweiz teilgenommen.

Voller Magen und volle Töne
Tatsächlich haben viele der Sängerinnen und Sänger einen ähnlichen Hintergrund und sind aus verschiedenen Kantonen angereist, um mit dem legendären Komponisten und Chorleiter zu singen. Dies erklärt, weshalb die Gruppe so schnell vorwärtskommt und bis zum Beginn der Mittagspause bereits zwei der insgesamt fünf Lieder erarbeitet hat. Da es sich mit leerem Magen nicht gut singt, wurde die lokale Metzgerei Arnold damit beauftragt, sich um das leibliche Wohl der Sängerinnen und Sänger zu kümmern. «Ghackets und Hörnli» mit Salat, Apfelmus und Dessert steht auf dem Speiseplan der gut zweistündigen Mittagspause, in der sich die Teilnehmenden besser kennenlernen, ehe sie sich wieder den Noten zuwenden, um mit derselben Effizienz die restlichen Lieder zu erarbeiten.
Müde und zufrieden wird um 19 Uhr der Heimweg angetreten, um am Sonntagmorgen pünktlich wieder auf der Matte zu stehen.
In den Sonntagsproben werden die Lieder mit der dreiköpfigen Band einstudiert. Tore W. Aas wechselt vom Keyboard aufs Dirigentenpodium, und die Lieder beginnen zu leben. Auch einige organisatorische Fragen werden geklärt: 140 Personen elegant eine Bühne betreten zu lassen, ist nämlich gar nicht so einfach. Die letzte Probe endet knapp eine halbe Stunde, bevor das Konzert beginnt. Es ist gleichermassen ein Gottesdienst.

Sprechen und singen
Um 17.30 Uhr verstummen die Glocken, und auf einen Schlag wird es ruhig in der Kirche. Die sieben Sängerinnen und Sänger von Gospelbridge betreten die Bühne und heissen die Zuschauer mit einem eigenen Lied willkommen. Dasselbe tut anschliessend auch der Jestetter Nasholim-Chor, ehe die restlichen 120 Personen wie geübt auf der Bühne erscheinen und «Open the eyes of my heart» anstimmen. Um sicherzugehen, dass die Zuschauer die Texte verstehen, hat es sich Tore W. Aas zur Gewohnheit gemacht, eine Übersetzung des Liedtextes gut verständlich von einem Erzähler sprechen zu lassen, ehe die Sänger einsetzen. Dies ist übrigens auch bei den Konzerten des Oslo Gospel Choir so.

Der schlagfertige Norweger
Ein erstes Highlight des Abends liefert Tore W. Aas gleich selbst. Dass Sprecher Urs Naef – der gleichermassen Pfarrer der reformierten Kirche Opfikon ist – ein kleines Interview mit ihm einplante, scheint Aas nicht zu wissen. Seine Schlagfertigkeit bringt jedoch alle Anwesenden zum Lachen und endet in einer kollektiven, spontanen Performance des Gospel-Klassikers «This Little Light of Mine» von Aretha Franklin. Es folgt die erste von vielen Standing Ovations des Abends.
Neben viel Musik beinhaltet das Konzert auch eine lange Sequenz, in der der Chor dem ehemaligen Dirigenten Norbert Zeller dankt, der an diesem Anlass zum ersten Mal nicht mehr als Dirigent dabei ist. Einen Blumenstrauss erhält auch Organisatorin Margrietha Morger, und sie nutzt die Möglichkeit, sich im Namen des Chors bei den Singenden, der Band, den Zuschauern und allen anderen zu bedanken, ehe die letzten beiden Lieder aufgeführt werden. Um 19.30 Uhr werden die begeisterten Kirchengänger an die kühle, frische Luft entlassen. Es ist Herbst geworden.

«Für mich steht das Christentum für Liebe und Freude»


Tore W. Aas war überrascht von der Disziplin der Singenden.

Was möchten Sie der Welt schenken?
Ich wuchs in einer Kirche auf und begann mit dreizehn an die Bibel zu glauben. Zu dieser Zeit entdeckte ich neben klassischer Musik auch den Gospel. Ich genoss schon früh Musikunterricht, wusste damals aber noch nicht, dass ich eines Tages als Gospel-Komponist mit einem eigenen Chor um die Welt touren werde. Für mich steht das Christentum für Liebe und Freude, und das ist es, was ich auch mit meiner Musik in die Welt hinaus tragen möchte.

Wie haben Sie diesen Opfiker Workshop wahrgenommen?
Ich war überrascht über die Disziplin und Qualität der Sängerinnen und Sänger. Sie waren zwei Tage lang mit vollster Konzentration dabei und hatten keine Mühe, die Lieder zu lernen. Das bin ich mir aus Norwegen nicht gewohnt, da der Musikunterricht dort in der Schule komplett vernachlässigt wird. Die meisten Schweizer singen bereits in der Grundschule und können sogar Noten lesen. Die beiden Tage haben mir riesigen Spass gemacht!

Mit was verbringen Sie ihre Zeit am liebsten?
Ich höre Musik. Am liebsten klassische Musik von Bach und Beethoven.

Gibt es Pläne für die Zukunft?
Die sind sehr klar: Morgen fliege ich nach Deutschland, um dort fünf Konzerte mit dem Oslo Gospel
Choir zu spielen. Danach geht es für weitere Konzerte nach Dänemark, zurück in die Schweiz und auf unserer Weihnachtstour werden wir bis Ende Jahr 40 Konzerte in 25 Tagen spielen. Weiter denke ich noch nicht.


Mit Humor startet Tore W. Aas die Proben am Samstag. Im Nu sind die ersten Lieder einstudiert.

Fabian Moor, Stadtanzeiger vom 1.11.2018

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